Meilenzauber Zaubermeilen
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    D - Rad - Rodeo

    In den Adern junger Leute kreist ein guter Schuss Bienenblut. Wie anders ist ihre Hektik zu erklären, wenn am „Ausflugloch“ die Frühlingssonne wärmt und Maiglöckchendüfte locken.
    In denkbar schlechtem Verhältnis zum Wandertrieb steht oft der Kassensaldo, nicht bei den Bienen! Er nötigt besagte junge Leute, alle möglichen Inserate auf fahrbare Billig-Oldtimer zu durchforschen. So stieß ich 1962 auf ein ehrwürdiges D-Rad der ehemaligen Spandauer Industriewerke, Baujahr 1928, mit Beiwagen. Ein Freund im Rentenalter erinnerte sich: „Ach ja, das waren skurrile Prachtstücke, aber berühmt für Robustheit und zuverlässigen Lauf!“
    Neugierig geworden suchte ich den Eigner des legendären Gefährtes auf. Überrascht vom Erfolg seiner Annonce fixierte er den Anwärter auf den Sattel seiner „Rosinante“ aus skeptischen Augen. Als er „Sie“ dann aus einem Schuppen zog, schwankte ich beim ersten Eindruck zwischen Kummer und Trost. Kummer machte mir die selten klobige Konstruktion des Fahrzeuges, die antiken Wulstreifen und die jedem modernen Standard zuwider laufenden Bedien-„Organe“! Tröstlich wirkte der gepflegte rostfreie Zustand. Er ließ noch auf einige Kilometer Fahrfreude hoffen. Mein Interesse witternd, ließ mir der Mann keine Zeit zum Sinnieren. Er schwang sich rüstig in den breiten, blank gewetzten Pferdesattel und zwinkerte mir zu: „Als erstes wollen Sie doch bestimmt wissen, wo der forsche Gasdrehgriff ist, habe ich recht? Dabei sollte Sie zuerst die Bremse interessieren, wenn ich an die vielen unfreiwilligen „Organspender“ in Ihrem Alter denke. Aber mit dem Rad kriegen Sie zum Glück kaum mehr als Sechzig drauf und das, wenn Sie Glück haben, bei Rückenwind. Doch ist es einmal in Schwung, müssen Sie schon auf halber Zieldistanz auf die Bremse steigen, wenn Sie vor der Haustür zum Stehen kommen wollen. Das ist eben alte Technik, junger Mann. Nun also hier am linken Fußbrett auf dieses kleine Pedal müssen Sie treten, wenn es hinten bremsen soll. Der Griff rechts am Lenker bremst das Vorderrad. Den Beiwagen bremst nur Ihre Vorsicht, sonst nichts!“
    An dieser Stelle ging ich in mich, ob ich nicht umkehren sollte. Doch mein „Dozent“ fuhr unbekümmert fort: „So, und nun kommen wir auch zum Gasgeben. Mit einem forschen Drehgriff kann ich leider nicht dienen. Der winzige Fingerhebel am linken Lenkerhorn beehrt sich, der großen Alten die Sporen zu geben. Das nötige Gefühl im Daumen und Zeigefinger musste ich mir aneignen und das werden Sie sicher auch erlernen. Gekuppelt wird nicht links per Handgriff, sondern rechts mit einem Pedal. Sehen Sie, hier ist es!“ Ich hatte Mühe es zu erkennen. Welchen Stress musste es machen, es mit dem Fuß zu finden! Die zahlreichen zwei Gänge schalten Sie mit diesem Hebel rechts am Tank. Nun, der war nicht schwer zu finden. Der „Dozent“ fuhr fort: „Sollten Sie einmal den Tachozeiger auf die 70 zusteuern sehen, sollten Sie an ihre Bandscheiben denken! Das Hinterrad sitzt absolut ungefedert im Rahmen. Nur zwei Sattelfedern „glätten“ die Schlaglöcher. Nun zu der Frontfederung: Was Sie hier sehen, ist kein Rammsporn, sondern eine Viertel-Elliptik-Blattfeder. Sie macht nur auf den ersten hundert Kilometern eingeschlafene Arme, aber die wachen bei tieferen Schlaglöchern garantiert wieder auf!!
    Und nun gibt Ihnen gewiss noch das Hirschgeweih von einem Lenker Rätsel auf. Die imposanten Ausleger brauchen Sie, um das Flattern zu beherrschen, das der Beiwagen am Vorderrad bei zahmer Schallgeschwindigkeit auslöst. Um es zu mildern, hat sich der Konstrukteur eine Flatterbremse ausgedacht…“ ‚…Und womit bremse ich mein Hosenflattern, wenn ich auf das alte Ross steige?’ fuhr es mir durch den Sinn. Aber schon wurde ich aufgefordert, die Flatterbremse zu prüfen, indem ich an dem Riesenrad drehte. „Spüren Sie etwas?“ wurde ich gefragt. Ich nickte krampfhaft.
    Eine gewisse Wirkung war nicht zu bestreiten, aber ich hatte wohl nicht energisch genug gedreht. Das würde sich sicher finden! Eine Wirkung fühlte ich deutlicher: Die wachsende Angst, das Gefährt mit der Absicht zu besteigen, um vom Hof zu fahren. Der alte Mann schien das zu ahnen. Er beschwichtigte lachend: „Nur keine Bange, junger Mann, die Alte ist trotz aller Ecken lammfromm und wenn Sie jetzt ihre Musik hören, wird Ihr Herz in der Brust schlagen und nicht woanders! Danach nenne ich den Preis, einverstanden?“
    Der Mann hob sich aus dem Sattel, trat ein einziges Mal auf den Kickstarter und im selben Augenblick bullerte es achtern wie aus einem Ofenrohr! ‚Lanz Bulldog lässt grüßen!’ durchfuhr es mich freudig. Mit dieser kernigen Viertaktmusik aus fünfhundert Kubikzentimetern würde ich auf meinem verschlafenen Städtchenfriedhof manchen Toten aufwecken! Das zählte!
    Der Preis ist mir entfallen. Unvergessen bleiben fünftausend abenteuerliche Kilometer, vom ersten Rammstoß in eine Schafherde bis zu Explosion des zu oft ausgeschliffenen Zylinders unter mir. Aber der alte Mann hatte mir noch einen Reserve-Zylinder mitgegeben und so kam ich zur ersten Bastel-Feuertaufe.
    Als ich den Panzer abmeldete, weil der Motor nach der Zylinder-Katastrophe immer zu heiß wurde (es war mir nicht gelungen, den Kolben präzise auszuwinkeln), stand er eine ganze Weile hinter meinem Wohnhaus. Eines Tages kam ein Trüppchen junger Burschen vorbei und fragte, ob sie sich das Gebilde zu Bastelfreuden mitnehmen könnten. Ich hatte nichts einzuwenden. Lange Zeit später fand ich in der Umgebung der Stadt auf einer Lichtung den Beiwagen ohne Rad. Wie oft hatten darin meine beiden kleinen Jungen den Fahrtwind bejubelt! Demnächst wird der Größere 50!!!